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Erforschung

Das Phänomen der Legasthenie wird schon lange erforscht

 

Die Legasthenie wird bereits seit 120 Jahren erforscht - Untersuchungen gehen bis 1861 zurück.

Damals wurden Aufschriebe des Pariser Arztes Broca veröffentlicht, die den Verlust der Sprache bei Erwachsenen durch Krankheit oder Unfall beinhaltet.

Später wurde das Phänomen von Kussmaul - von Beruf Neurologe und gleichzeitig betroffener Vater, als   “ erworbene Wortblindheit” bezeichnet.

1885 sprach Dr Oswald Berkhan von einer partiellen Idiotie und legte damit den Grundstein, dass man legasthene Menschen bis heute teilweise als idiotisch sieht.

1896 sprachen der engl. Schularzt James Kerr und der Augenarzt W. Pringle Morgan von einer “angeborenen Wortblindheit”, im Gegensatz zu dem Neurologen Kussmaul, der von einer “erworbenen Wortblindheit” ausging. Als Ursache vermutete Morgen eine mangelhafte Entwicklung des Lesezentrums in der linken Hirnhälfte, zwischen Schläfen- und Scheitellappen. Diese Fehlentwicklung führte seiner Ansicht nach zu Schwierigkeiten bei der Verarbeitung visueller Informationen. So schuf Morgan ein neuen Krankheitsbild, das zu einer weltweiten Erforschung Anstoß gab.

Um 1900 wurde die Problematik des erschwerten Lernens als embryonale Entwicklungsstörung des cerebralen Zentrums für visuelles Gedächtnis neu definiert. Dabei nahm man an, dass sowohl die erworbene, als auch kongenitale Wortblindheit in Zusammenhang mit einer Schädigung bzw. einer Fehlentwicklung eines bestimmten Bereiches im Gehirn stand.

1904 gab es eine Hypothese von James Hinshelwood die besagte, dass das cerebrale Zentrum für visuelles Gedächtnis, also Teil des Lesezentrums,  aufgrund einer embryonalen Entwicklungsstörung, bei Wortblinden eine Fehl- oder ungenügende Entwicklung habe. Unterschiedliche Erscheinungsbilder  wurden durch den unterschiedlichen Grad der Fehlentwicklung erklärt.

1907 wurde von Hinshelwood und Stephenson ein Zusammenhang von Legasthenie und Vererbung, also genetische Disposition, als Auslöser der “Wortblindheit” entdeckt. Ebenso

1905 durch Fischer, der eine familiäre Häufung und damit eine erbliche Komponente erforschte.

1916 Untersuchungen von Schulkindern mit Lese- Rechtschreibschwäche durch den ersten Pädagogen Ranschburg. Er sah die Legasthenie als Hinweis für eine Sonderschulbedürfigkeit. Damit war das Schicksal vieler Legastheniker in den ersten 70 Jahren unseres Jahrhunderts besiegelt. Ranschburg´s Fehleinschätzungen wirken sich bis in die heutige Zeit verhängnisvoll für viele Schüler aus.

1925 vermutete Orton eine Reifeverzögerung bei Kindern mit Lese- und Schreibproblemen, durch die keine der beiden Hirnhälften für die Buchstabenwahrnehmung dominant wird, und erklärte sich somit die beobachtete Verwechslung ähnlich aussehender Buchstaben und die spiegelbildliche Schreibweisen. Diese Theorie der Funktionsstörung der visuellen Wahrnehmung und im visuellen Gedächtnis schien das Problem von der Theorie her zu lösen und hat bis heute Bedeutung.

1928 Neue Definition des von ihm 1916 geschaffenen Begriffs “Legasthenie” von Paul Ranschburg in seinem Buch “Die Lese- und Rechtschreibstörungen des Kindesalters”, durch eine mehrschichtige Erklärung der Ursachen. Trotz Bedeutungswandels blieb dieser Begriff bis in die Mitte der 70er Jahre die zentrale Bezeichnung für LRS. Er differenzierte als Einziger zwischen Kinder mit Leseschwäche ( Legasthenie ) und der Gruppe der Leseunfähigen. Er unterteilte in visuelle, auditive und kinästhetisch - motorische Legasthenie unter Bezugnahme auf das jeweilige Auffassungsfeld, dessen Schwäche die Lesestörung bedingt. Während er die Leseunfähigen für nicht therapiebar hielt, sah er bei der Legasthenie gute Chancen, durch konsequente pädagogische Förderung den Mangel zu kompensieren. Dadurch erfolgte in Deutschland und Österreich die Rechtfertigung, die Sonderschule als geeignetes Schulsystem für Legastheniker zuzuweisen.

In den 30-er Jahren erfolgte die Bezeichnung Dyslexia und Unterteilung in spezifische Dyslexia, Dyskalkulia und Dysphasie.

1962 wählte Kirk den Oberbegriff “Learning Disabilities”

Nach 1945 Entdeckung der Legasthenie durch schulpsychologische Beratungsstellen.

In den 60-er Jahren wurde der Begriff Minimal Brain Damage durch die Bezeichnung Cerebral Dysfunction (MSD) ersetzt.

1951 stellte die Schweizer Psychologin Linder fest, dass Kinder mit Leseschwäche in der Regel durchschnittlich bis überdurchschnittlich intelligent sind. Ihr ist es zu verdanken, dass die lese- rechtschreibschwachen Schüler aus der Isolation der Sonderschulen herausgeholt und in der Öffentlichkeit auf die Probleme von Legasthenikern aufmerksam gemacht wurde. Sie bildete Ende der 60er Jahre die Grundlage für eine verstärkte Förderung und für eine rücksichtsvollere Benotung.

1954 wurde der Begriff  “Lese- Rechtschreibschwäche” durch Kirchhoff geschaffen.

In den 70er Jahren sprach man von Lernstörungen und Teilleistungsschwäche. Der Begriff Legasthenie wurde durch Schenk-Danzinger im deutschen Sprachraum geprägt. Die Definition erfolgte bei ihr symptomorientiert.

1970 Durchführung von Intelligenz- und Rechtschreibtests von betriebsfremden Personen bei Reihenuntersuchungen, die das Legastheniekonzept hinterfragten. Einstufung der Legasthenie als Problem der Unterschicht und des sozialen Milieus.

1974 erkannte Grissemann die Notwendigkeit der individuellen Förderung des einzelnen Kindes abgestimmt auf seine spezifischen Schwierigkeiten.

1975 wies Sirch darauf hin, dass in der Legasthenieforschung die didaktischen Aspekte vernachlässigt wurden und führte LRS darauf zurück, dass die sinnerfassende Komponente der Wörter beim Lesenlernen vernachlässigt werde. Lösung des LRS - Problems durch eine Revision der Lese - Rechtschreibdidaktik.

Schlee gibt 1974 den schulischen Verhältnissen die Schuld am Scheitern von lese- rechtschreibschwachen Kindern.

1976 beklagt Belschner, dass die Schulen fälschlicherweise davon ausgehen, dass alle Schüler das gleiche Lerntempo und Lernvoraussetzungen haben.

Hinweise auf Ursachen im Gehirn legasthener Kinder wurden bis in die 70-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts nicht nachgewiesen. Daher gab man in der Schule den Eltern die Schuld am Versagen ihrer Kinder.

Forschungsergebnisse Anfang der 80-er Jahre aus USA, England und auch den Niederlanden - später auch aus Deutschland, bestätigten zunehmend die Beteiligung von erblichen Ursachen bei einer familiären Legasthenie.

Ende der 70-er Jahre gab es erstmals Belege für die neurobiologische Grundlage der Legasthenie durch Untersuchungen von Galaburda und Geschwind, einem amerikanischen Neurologen.

Untersuchungen zur Sehverarbeitung und Hörverarbeitung folgten. Unter anderem fand 1991 Livingstone heraus, dass legasthene Menschen beim Erfassen von schell bewegten Reizen mit niedrigem Kontrast im Vergleich zu Erwachsenen ohne Leseschwäche, deutlich schlechter abschnitten. Eine Untersuchung von Hirnschichten zeigte, dass die grosszelligen Schichten im seitlichen Kniehöcker von legasthenen Gehirnen weniger organisiert waren und kleinere Zellkörper enthielten im Vergleich zu nichtlegasthenen Personen.

Tallal und Mitarbeiter konnten 1985 beweisen, dass die Verarbeitung in den Hörbahnen bei legasthenen Kindern sehr häufig beeinträchtigt ist. Kurz anklingende Laute ( b-p, d-t, g-k, o-u, i-) können im seitlichen “Kniehöcker” nicht verarbeitet und damit auch akustisch nicht unterschieden werden.

1995 Forschungen von Biscaldi, Fischer und Otto, die sich auf die Verarbeitung in der Sehbahn spezialisierten.

Neuere Forschungen weisen darauf hin, dass eine Legasthenie bioenergetisch bedingt ist. Die Beteiligung der Chromosomen 6 und 15 sind mittlerweile nachgewiesen.

Im August 2000 trifft Dr. Paula Tallal von der Rutgers University in New Jersey die Aussage, dass gezieltes Training der dynamischen Empfindlichkeit der Sinne wahrscheinlich die effektivste Methode ist um die Leseleistung zu verbessern.

Im April 2004 weist Dr. Astrid Kopp-Duller im Vorwort ihrer vierten überarbeiteten Auflage ihres Buches “Der legasthene Mensch” darauf hin, dass einer der bekanntesten Computerspezialisten “Bill Gates” auch ein legasthener Mensch sei.

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